Borondos „MATER“ verwandelt die Villa Stuck in eine Bildmaschine
Bereits 2025 hatte Gonzalo Borondo die Villa Stuck künstlerisch besetzt. Damals verwandelte er mit „Chrysalis“ das Gerüstnetz an der Fassade des Museums in eine großflächige Bildarbeit. Nun ist der 1989 im spanischen Valladolid geborene Künstler zurück. Seine neue Ausstellung „MATER“ erstreckt sich über die Räume des Neuen Ateliers. Zur Eröffnung am 28. Oktober begrüßte Museumsdirektor Michael Buhrs die Gäste. Stadtrat David Süß übernahm die offizielle Eröffnung in Vertretung des Oberbürgermeisters. Die Einführung hielt Kuratorin Dr. Helena Pereña. Für die musikalische Begleitung war der Stuck-Chor angekündigt.
Borondo greift für seine Arbeiten auf Verfahren zurück, die lange vor der Erfindung des Films entwickelt wurden. Dazu gehört das Zootrop, eine Vorrichtung, bei der einzelne Bilder durch Bewegung zu einer fortlaufenden Szene verschmelzen. Für „MATER“ entstand eine monumentale Ausführung, die in Zusammenarbeit mit dem Festival LuzMadrid hergestellt wurde. Solche Apparate machen deutlich, wie wenig es manchmal braucht, um das menschliche Auge zu täuschen. Die Bewegung liegt im Mechanismus, die scheinbar lebendige Handlung entsteht erst in der Wahrnehmung. Daneben verwendet Borondo Projektoren mit bearbeiteten Dias, Spiegel und Lichtinstallationen. Die technischen Mittel bleiben dabei Teil der Kunstwerke. Sie werden nicht hinter digitalen Bildschirmen versteckt, sondern lassen erkennen, wie die jeweiligen Effekte zustande kommen.
Eine besondere Arbeit entstand gemeinsam mit der Mayer’schen Hofkunstanstalt. Der Münchner Familienbetrieb wurde 1847 gegründet und ist vor allem für Glasmalerei und Mosaiken bekannt. Für „MATER“ fertigte die Werkstatt ein Labyrinth aus gläsernen Stelen, in das Röntgenaufnahmen einbezogen wurden. Die medizinische Bildtechnik erhält damit einen ungewöhnlichen Platz in einer Kunstausstellung. Sie zeigt Dinge, die dem bloßen Auge normalerweise verborgen bleiben. Borondo verbindet diese Aufnahmen mit Motiven aus der christlichen Bildgeschichte. Zu den verwendeten Vorlagen gehört die Röntgenaufnahme eines Christus-Hauptes aus Böhmen, das gegen Ende des 14. Jahrhunderts entstand und zum Bestand des Bayerischen Nationalmuseums gehört. Der historische Gegenstand wird so nicht einfach ausgestellt, sondern mit einem technischen Verfahren neu betrachtet.
Auch bei den Materialien beschränkt sich Borondo nicht nur auf die klassischen Mittel der Malerei. Neben Öl- und Acrylfarben verarbeitet er geätztes Glas, Wachs, kirchliche Fragmente und industrielle Abfälle. Hinzu kommen Automaten, Klangobjekte und Konstruktionen, die Besucher durchschreiten können. Die Gegenstände stammen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und verlieren in den Installationen einen Teil ihrer ursprünglichen Funktion. Ein sakrales Fragment wird zum Bestandteil einer neuen Komposition, ein technisches Bauteil erhält eine bildnerische Aufgabe. Die Ausstellung führt damit Handwerk, historische Bildtraditionen und mechanische Verfahren zusammen. Gerade die sichtbare Materialität unterscheidet diese Arbeiten von rein digitalen Inszenierungen. Oberflächen, Gebrauchsspuren und technische Konstruktionen bleiben erkennbar. Sie tragen ebenso zur Wirkung bei wie die erzeugten Bilder.
Für „MATER“ arbeitete Borondo mit der spanischen Dichterin Ángela Segovia und dem Musiker Niño de Elche zusammen. Hinter diesem Künstlernamen steht Francisco Contreras Molina, der Flamenco mit experimenteller Musik und Performance verbindet. Sprache und Klang sind deshalb keine nachträgliche Begleitung einer ansonsten fertigen Ausstellung. Sie gehören zum künstlerischen Aufbau. Auch die ausgewählten Bildmotive überschreiten verschiedene Epochen: Märchenerzählungen stehen neben antiker Mythologie, christliche Passionsdarstellungen neben literarischen Figuren wie Frankenstein. Eine einheitliche Geschichte erzählt der Parcours nicht. Vielmehr begegnen sich Motive, die ursprünglich für ganz unterschiedliche Zwecke geschaffen wurden. Die Besucher müssen ihre Verbindungen selbst herstellen. Das kann irritieren, bietet aber mehr Spielraum als eine Ausstellung, die sämtliche Bedeutungen bereits auf Wandtafeln erklärt.
Die Wahl des Ausstellungsortes ist nicht zufällig. Franz von Stuck verstand seine Villa selbst als ein Kunstwerk, in dem Architektur, Malerei, Skulptur und Ausstattung zusammenwirken. Borondos Arbeiten setzen diesen Gedanken mit anderen technischen Mitteln fort. Während Stuck seine Räume dauerhaft gestaltete, verändert der spanische Künstler die Wahrnehmung durch Projektionen, bewegliche Apparaturen und begehbare Konstruktionen. Die historische Künstlerresidenz und das Neue Atelier zeigen damit zwei unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Kunst einen Raum prägen kann. Die Ausstellung wurde von Dr. Helena Pereña kuratiert und entstand unter anderem in Kooperation mit dem Instituto Cervantes. „MATER“ ist vom 29. Oktober 2026 bis zum 29. März 2027 im Museum Villa Stuck an der Prinzregentenstraße 60 in München zu sehen.
Michael