Ist die SPD noch eine Volkspartei?
Offiziell hält die SPD am Selbstverständnis der Volkspartei fest. Hinter den Kulissen jedoch, so berichten Funktionäre, wird längst über die „neue Realität“ gesprochen: sinkende Mitgliederzahlen, ausgedünnte Ortsvereine, eine Wählerschaft, die sich zunehmend auf wenige Milieus konzentriert. Die Partei wirkt, als wolle sie den Begriff Volkspartei verteidigen, während die gesellschaftlichen Fundamente längst erodieren. Die stille Erosion der Milieus Die klassische Arbeiterschaft – einst das Rückgrat der SPD – ist in dieser Form verschwunden. Gewerkschaften verlieren Bindekraft, industrielle Großbetriebe sind nicht mehr die politischen Zentren, die sie einmal waren.
Interne Analysen zeigen: Die SPD gewinnt heute vor allem dort, wo staatliche Strukturen stark sind – im öffentlichen Dienst, in urbanen Räumen, bei älteren Wählern. Das ist solide, aber nicht breit. Ein SPD‑Insider formuliert es so: „Wir haben die Milieus nicht verloren. Die Milieus haben sich aufgelöst.“ Wahldaten, die man nicht schönreden kann Die Wahlergebnisse der letzten Jahre zeichnen ein klares Muster: Die SPD bleibt relevant, aber nicht mehr dominierend. In manchen Regionen ist sie kaum noch präsent, in anderen hält sie sich nur dank historischer Strukturen. Die interne Frage lautet nicht mehr: Wie gewinnen wir 40 Prozent? Sondern: Wie verhindern wir, dass wir unter 20 Prozent oder mehr rutschen?
Viele Forscher sprechen zunehmend von „post‑volksparteilichen Parteien“ – Organisationen, die historisch Volksparteien waren, deren gesellschaftliche Basis aber nicht mehr die frühere Breite besitzt. Die SPD passt exakt in dieses Raster: groß, aber nicht mehr massenhaft; breit, aber nicht mehr universell; verankert, aber nicht mehr integrativ. Die SPD ist heute mehr eine Partei im Übergang. Sie trägt das Erbe der Volkspartei in sich, doch die gesellschaftlichen Voraussetzungen haben sich verschoben. Der Begriff bleibt – aber er ist zu einem Traditionsetikett geworden, das mehr Vergangenheit als Gegenwart beschreibt.
Die SPD ist nicht kollabiert. Sie ist nicht irrelevant. Aber sie ist auch nicht mehr die Volkspartei, die sie einmal war. Sie ist eine Partei, die um ihre Rolle ringt – und dabei ein Spiegelbild einer Gesellschaft zeigt, die selbst nicht mehr weiß, ob sie sich noch über gemeinsame politische Identitäten definieren kann. Ihr zusätzliches Problem ist, dass sie in der aktuellen Koalition in Berlin unter den Umfragewerten leidet. Und bei den anstehenden Landtagswahlen in den Ostländern muss sie gar bangen, an der 5%-Hürde zu scheitern.
Michael